Gemeinschaft, § 166

1926 – XII – 4

Die wahre Feuer-Blüte ist wirkliche Selbstlosigkeit, doch diese darf sich nicht allein in Taten offenbaren, sondern muss auch im Bewusstsein leben. Ein Benehmen gleich umherirrende Schatten ist eine ungenaue Widerspiegelung, und der Wirbel sich ändernder Formalitäten verhüllte den Sinn der Tat. Kann man über Benehmen urteilen, ohne Ursache und Wirkung zu kennen? Dann wird sich ein Erlöser als ein Schuldiger erweisen und ein Schenkender erscheint als ein Geizhals. Doch es ist nicht leicht, bewusst selbstlos zu sein – die Individualität lässt sich nicht ausschalten. Die Bekehrung zur Selbstlosigkeit kann nur mit einem klaren Bewusstsein der Zukunft vor sich gehen. Selbstlosigkeit erwächst nicht aus Erfahrung der Vergangenheit; nur ein wahres Erkennen der Zukunft befähigt, sich über die Grenzen des Möglichen ein inneres Urteil zu bilden. Wer immer in der Stille der Nacht denkt, dass ihn die Vergangenheit den Wert der Selbstlosigkeit lehrte, ist ein Gefangener. In den Strahlen der Sonne sollte man eine Hymne an die Selbstlosigkeit singen, wie ein Vogel in seiner ihm eigenen Ausdrucksform, der den Tag kennt, an dem es bestimmt worden ist, zur Wanderung aufzubrechen. Der Begriff Wanderung hat für das Bewusstwerden der Selbstlosigkeit Bedeutung. Die Zukunft kann als der Wechsel von Nacht in Tag verstanden werden. Die Schläfer werden verschlafen, doch die Gemeinschaft steht auf der Wacht. Unsere Wache betrachtet keine einzige Streife als unbedeutend.

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