Gemeinschaft, § 164

1926 – XII – 2

Der Arzt sieht den Verlauf der Krankheit voraus, und ihr trefft die vorgeschriebenen Maßnahmen. Der Astronom sieht die Sonnenfinsternis voraus, und ihr verseht euch mit dem erforderlichen dunklen Glas. Der Sozialpsychologe sieht den Lauf der Ereignisse voraus, und ihr, ‘ein Prophet!‘ rufend, versteckt euch vor Schreck in den dunkelsten Winkeln. Ihr tut dies natürlich unter dem Vorwand, die wissenschaftlichen Methoden zu bewahren, doch in Wirklichkeit hindern euch Heuchelei und Angst daran, zu überlegen, worin das größere, wahre Wissen liegt – in der kurzsichtigen Meinung des Arztes, der nur nach äußerem Berühren urteilt, oder in der weitsichtigen Treffsicherheit des sozialen Propheten, in dem Erfahrung mit Unanfechtbarkeit vereint sind. Denkt an eure sozialen Propheten, die der Menschheit kommende Ereignisse für Jahrhunderte voraussagten. Ihr nennt sie weder Mystiker noch Heuchler. Genau wie Wir, nennt ihr sie weitsichtige Psychologen. Mit dieser Auslegung werden Wir mit euch übereinstimmen und dabeibleiben. Bedenkt außerdem, dass das verpönte Wort ‘Prophet’ für jemanden gilt, der etwas ‘voraussagt.‘ Soziale Propheten sagten den Lauf der Ereignisse voraus, was besagt, dass dieser Begriffe nicht weniger real ist als Medizin und Astronomie. ‘Mahatma’ bezeichnet eine große Seele, welche die Erscheinungen der Neuen Welt in sich aufnimmt. Doch wir wollen nicht aufdringlich sein, diese Eigenschaft ist in der Gemeinschaft verpönt. Übereinstimmung erlangt man nicht durch Streit, sondern durch ein Flüstern in ein feinfühlendes Ohr. Zeigt dafür Verständnis, dass es ein feinfühliges Ohr gibt, für das sich Unbegrenztheit in die Grenzen menschlicher Möglichkeiten verwandelt. Jener hat Recht, der die Urteile seines Gegners vollständig verdecken kann, ohne den Anfang oder das Ende zu berühren. Dazu muss man aber – wenn auch nur in kleinem Maßstab – ein Prophet, oder richtiger, ein wirklich weitsichtiger Mensch sein.

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