1925 – V – 12
In religiösen Systemen und Gesetzen wird die Unmäßigkeit sehr verurteilt, doch wiederum ohne nähere Begründung. Der Nutzen der Enthaltsamkeit im Essen und Reden kann durch Beobachtung im Verlauf einiger Monate wahrgenommen werden. Natürlich sind Wir seit jeher gegen Fanatismus und Quälereien; der Körper kennt das Maß seiner Bedürfnisse. Über die geschlechtliche Enthaltsamkeit muss ausführlicher gesprochen werden. Der sexuellen Frage wird vom gegenwärtigen Denken zu viel Platz eingeräumt. Schon alte Mysterien besagen: ‘Lingam ist das Gefäß der Weisheit‘, doch mit der Zeit wurde dieses Wissen in abscheuliche phallische Kulte umgewandelt, und die Konfessionen begannen etwas zu verbieten, ohne zu wissen warum. Hingegen müsste man einfach sagen, dass die Tatsache der Empfängnis so wunderbar erscheint, dass es unmöglich ist, sie mit gewöhnlichen Maßstäben zu messen. Man muss sie als etwas ganz besonders Hochstehendes anseh’n. Man kann den Samen wiegen, man kann ihn in ganz kleine Teile zerlegen, doch trotzdem bleibt noch eine unfassbare und unergründliche Substanz übrig, die genauso unersetzlich ist wie die Lebenskraft des Samenkornes. Wir werden zur gegebenen Zeit die Aufmerksamkeit auf einige erstaunliche Eigenschaften dieser Substanz lenken, die wahrgenommen werden können, doch jetzt muss man beipflichten, dass ein solch außergewöhnliche Substanz sehr kostbar ist und äußerst wichtige Eigenschaften aufweisen muss. Dies wird sogar ein einfältiger Mensch begreifen. Der beste Beweis ist schließlich das Experiment. Wenn wir zwei Individuen vergleichen, von denen eines die Lebenssubstanz vergeudet, wohingegen das andere sie bewusst bewahrt, werden wir erstaunt sein, wie feinfühlig der geistige Apparat des zweiten sein wird. Die Qualität der Arbeit wird eine viel bessere sein, und die Zahl seiner Vorhaben und Ideen nimmt zu. Die Zentren des Sonnengeflechts und des Gehirns werden wie von einem unsichtbaren Feuer angefacht. Daher ist die Enthaltsamkeit keine krankhafte Entsagung, sondern eine vernünftige Tat. Leben geben, bedeutet nicht, den Vorrat an Lebenssubstanz zu vergeuden. Wenn die Leute in erster Linie an den Wert der Lebenssubstanz dächten, würde dies bereits die Notwendigkeit eines Verbotes zum Vergeuden der Substanz merklich vermindern. Verbote sind zu vermeiden; dies ist ein Gesetz des Strebens. Aber unersetzliche Werte müssen geschützt werden; auch dies ist ein Gesetz des Strebens. Lasst uns die Dinge realistisch betrachten; alles Unersetzliche muss als erstes geschützt werden. Können wir schließlich einen kostbaren Schatz in den Raum hinauswerfen? Selbstverständlich wird sich diese Kraft an die Elemente anschließen, aus denen sie mit so vielen Schwierigkeiten herausgeholt wurde. Anstatt einer Zusammenarbeit mit der Evolution ergeben sich Abfälle, die aufs neue zu verarbeiten sind. Und so wollen wir uns die Enthaltsamkeit als eine Kraft vorstellen, die Flügel verleiht.