1925 – V – 11
In Glaubensbekenntnissen und Gesetzen werden Verrat, Verleumdung und Schmähung getadelt, doch wird nicht darauf hingewiesen, warum gerade diese Handlungsweisen schädlich sind, und somit hat dieser Tadel den Anschein eines Verbotes. Doch jedes Verbot ist relativ und nicht überzeugend. Schaden und Nutzen müssen ihrem Wesen nach erklärt werden. Den Schaden des Verrats, der Verleumdung und der Beleidigung kann man bereits an einfachen Fällen erkennen. Geschädigt ist in Wahrheit nie der Verratene, sondern der Verräter. Die ganze Welt unterscheidet persönliches und allgemeines Wohl. Wenn wir in ernster Absicht für das Allgemeinwohl tätig sind, können wir der Unterstützung seitens der kosmischen Kräfte gewiss sein. Dieser Kelch der besten Heldentaten beginnt entlang eines unsichtbaren Strahles zu wirken. Stellt euch vor, wie euch eine mit Groll erfüllte Kerze zu verbrennen versucht, und ohne dass ihr entsprechende Maßnahmen ergreift, sich hinter euch bereits eine mächt’ge Fackel nähert. Führet diesen Versuch durch und ihr werdet seh’n, wie die Kerze schmilzt, verkohlt und verlischt. Es ist keine Bestrafung, sondern eine den Naturgesetzen entsprechende Folge. Man verrät, verleumdet und beleidigt die Träger des Allgemeinwohls, doch das Los dieser versengenden Feuer ist nicht beneidenswert. Daher bringen Verrat, Verleumdung und Beleidigung keinen Nutzen. Denkt daher nicht an Rache; denn bereits die Alten sagten im übertragenen Sinn: ‘Mein ist die Rache, spricht der Herr.‘ Kann denn das Leben eines Verräters leicht sein? Glaubensbekenntnisse und Gesetze sprechen sich gegen Diebstahl aus. Der Schaden des Diebstahls ist vor allem in der Verstärkung des Eigentumsgefühls zu seh’n. Diebstahl schadet der Evolution, doch das Los derjenigen, welche die Evolution der Welt aufhalten, ist nicht beneidenswert. Sie fall’n weit zurück. Es ist unwesentlich, ob irgendein Gegenstand durch Diebstahl in andere Hände gelangt, wesentlich ist, dass sich dadurch gleich zwei Menschen stark an Eigentum binden. Gesetze gegen Diebstahl sind unzulänglich, da der bedeutendste Diebstahl, nämlich jener von Wissen und schöpferischen Ideen, nicht verhindert werden kann. Überdies weiß man erst dann die Zeit richtig zu schätzen, wenn man für das Gemeinwohl arbeitet. Am wenigsten darf die dem Gemeinwohl gewidmete Zeit gestohlen werden. Sinnloses Stehlen dieser Zeit bedeutet daher Diebstahl von Ideen.