Bruderschaft II, § 76

Urusvati kann ihr Anvertrautes bewahren. Es ist nicht leicht, das Gleichgewicht zwischen Bewahrung und Verbreitung zu finden. Anfänger eilen, alles Erfahrene preiszugeben, ohne über die Folgen nachzudenken. Viel Elend ist durch solche unüberlegten Preisgaben entstanden, doch die Erfahrung schmiedet die Maße der Vernunft. Nur mit der Zeit lassen sich die rechten Wege der Verbreitung finden. Der Weg wird schwer, wenn man erkennen muss, wieviel der Gesprächspartner überhaupt fassen kann. Wir schätzen es, wenn das Allheilmittel in dem notwendigen Maß verabreicht wird, nicht mehr und nicht weniger. Man kann an Begebenheiten erinnern, als nach langwährenden Gesprächen eine Frage gestellt wurde, die das völlige Nichtverstehen des Zuhörers offenbarte. Ebenso aber kann großer Schaden die Folge sein. Daher lautet Unser Rat, dass die Bücher der Lehre auf die Kreuzungen des Lebensweges gelegt werden mögen, auf dass sie selbst ihr Schicksal fänden. So verweisen wir auf die besonderen Wege der Verbreitung. Es können solche Wanderer vorüberziehen, denen das Buch nicht gegeben wurde, deren Herz jedoch ebenso für die Wahrheit brennt. Die äußere Erscheinung steht einem der Wirklichkeit entsprechenden Urteil oft im Wege. Der eine ist allzu schön gekleidet, der andere allzu zerlumpt – viele nichtige Überlegungen behindern nützliche Begegnungen. Unter den umherziehenden Sadhus kann es widerwärtige Individuen geben, doch lassen sich auch hervorragende und erfahrene Menschen unter ihnen finden. Ein kluger Beobachter wird zufälligen Erscheinungen keine Bedeutung beimessen. So muss man in allem das innere Wesen erkennen. Man kann Uns nahestehende Personen treffen, ohne sie zu erkennen. Oft müssen wir bedauern, dass eine nützliche Sendung nicht erkannt wird. Das Gesetz des freien Willens erlaubt es jedoch nicht, auf der Durchsetzung von Weisungen zu beharren. So weist auch die Verbreitung der Lehre ihre eigenen Wege auf. Im Altertum sagte man: Eile langsam. Und solch ein behutsames Gleichgewicht wird auch mit der Verbreitung der Lehre verbunden sein. Über Jahrhunderte hinweg lässt sich verfolgen, wie eine von Uns gegebene Lehre ihren Weg nimmt. Den Volksmassen öffnen sich die Augen langsam.

‹ § 75 · Inhaltsverzeichnis · § 77 ›