Bruderschaft II, § 643

Urusvati weiß, dass es ein geöffnetes und ein verschlossenes Erinnerungsvermögen gibt. Viele beklagen das Vorhandensein dieses verschlossenen Gedächtnisses. Doch sie stellen sich nicht das ganze Entsetzen vor, das entstünde, wenn die Menschen sich ständig ihrer früheren Existenz erinnerten. Wahrlich, es ergäbe sich ein ganzes Konglomerat von Dissonanzen, unter dem ein Vorankommen unmöglich würde. Weise ist das Gesetz, das alles aussondert, was der Vervollkommnung nicht dienlich ist. Unerfahrene Menschen bilden sich ein, bei Kenntnis alles Vergangenen bessere Fortschritte machen zu können, doch tatsächlich sind nur sehr wenige in der Lage, ihre früheren Beobachtungen nutzvoll anzuwenden. Überdies haben sie diese keineswegs verloren, sondern bewahren in ihrem Kelch lebendige Aufspeicherungen. Nicht selten gemahnt die Stimme der Stille an die Notwendigkeit, alte Erfahrungen hervorzurufen und zu nutzen. So kann man dem Gesetz über das verborgene Gedächtnis dankbar sein. Hört zu, kann sich ein Mensch heute im Zeitalter der Mechanisierung in die Psychologie längst vergangener Zeiten versenken? Solches Herangehen würde nur den Weg erschweren. Man kann die Kulturen des Altertums studieren und die Lösung früherer Probleme in gerechter Weise schätzen, doch darf man sich nicht in die Haut der Ahnen zurückversetzen. Solche Versenkungen in Vergangenes sind auch keineswegs notwendig. Jetzt haben wir das Zeitalter frappierender Entdeckungen, und der Mensch sollte sich nicht an die Vergangenheit anpassen, sondern an die Zukunft, um die psychische Energie vernünftig anzuwenden. Der Denker sah voraus: ‘Es wird eine Zeit kommen, da die Menschen nicht nur fliegen, sondern auch zu fernen Welten streben werden.’

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