Bruderschaft II, § 614

Urusvati weiß, mit welcher Beharrlichkeit das menschliche Denken befreit werden muss. Man darf sich nicht damit beruhigen, der Gedanke sei von seiner Natur her schon frei, denn der Denkprozess ist mit vielen Vorurteilen verbunden. Heute verbrennt man keine Hexen mehr, doch viele wissenschaftliche Bereiche hält man nahezu für Zauberei. Jeder von uns kann eine Vielzahl von Menschen nennen, die sich für kultiviert halten, viele wissenschaftliche Errungenschaften jedoch nicht anzuerkennen imstande sind. Es können Bücher herausgegeben werden, neue Fachrichtungen an Universitäten gebildet und anerkannt glaubwürdige Experimente durchgeführt werden, doch angesehene Repräsentanten des öffentlichen Lebens bleiben dennoch in ihren altersschwachen Vorurteilen stecken. Sie schämen sich nicht, sich Zyniker und leidenschaftliche Skeptiker zu nennen, wo es doch einfacher wäre, sich als Dummkopf zu bezeichnen. Es ist nicht schlimm, wenn irgendein Dummkopf die Wirklichkeit verneint, doch viele von ihnen nehmen Regierungspositionen ein und behindern somit den Aufklärungsprozess. Es ist unmöglich aufzuzählen, mit welchen Ketten das Volksdenken gebunden ist! Wundert euch nicht, dass das psychische Niveau der Massen sich wenig von dem des Mittelalters unterscheidet. Damals trachteten die Unwissenden Leonardo da Vinci nach dem Leben, doch heute lässt sich gleiches beobachten. Ein Lehrer, der von der Disziplin des Denkens sprechen will, wird sich davon überzeugen, wie unmöglich es ist, von einfachsten Wahrheiten zu reden. Regierende und hochgestellte Lehrpersonen bringen es fertig, den Mund eines solchen mutigen Menschen, der über die Freiheit des Denkens nachdenkt, zu schließen. Der Denker sprach: ‘An jedem von uns klirren schwere Ketten.’

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