Bruderschaft II, § 610

Urusvati weiß von Unserem Erlass: ‘Seid gerecht!’ Von welcher Gerechtigkeit jedoch sprechen Wir? Die Menschen bringen es zuwege, viele ‘Gerechtigkeiten’ zu erfinden. Sie kennen eine persönliche Gerechtigkeit, eine Familien-, Sippen-, Stammes- und Rassengerechtigkeit. Sie verstecken sich hinter einer dienstlichen, schulischen und beruflichen Gerechtigkeit. Es ist nicht möglich, alle menschlichen Gerechtigkeiten aufzuzählen! Vergessen hat man jedoch die menschliche Gerechtigkeit. Die Menschen urteilen aufgrund einer Vielzahl von Gesichtspunkten, doch der hauptsächliche – die weltumfassende Gerechtigkeit – wird nirgends angenommen. Wir haben bereits von ungerechten Richtern als einer Schande der Menschheit gesprochen, doch darf man nicht allein von den Richtern, sondern muss von all den Menschen sprechen, die in Lüge versunken sind. Jeder Mensch spricht jeden Tag irgendeine Verurteilung aus. Er nimmt die Verantwortung auf sich, einen Pfeil der Lüge in den Raum geschossen zu haben, denn gewöhnlich urteilt er aufgrund von Bedingtheiten und von Unwissenheit. Überdies ist der Mensch von Drohungen erfüllt und empfindet sogar Schadenfreude, wenn er Gift aussendet. Es gibt viele physische Gifte, doch noch mehr psychische. Die Kinder werden von ihren frühesten Tagen an vergiftet. Sie spüren die Böswilligkeit der Erwachsenen, und ihr Organismus wird dadurch bereits früh für die schlimmsten Krankheiten geöffnet. Man darf nicht nur Maschinen und Roboter erfinden, sondern auch eine allmenschliche Gerechtigkeit. Wenn dies nicht geschieht, wohin wird dann der Mensch in der Überirdischen Welt gehen, und wie wird das Gespräch mit Uns gestaltet sein? Wir werden aufgrund von Menschlichkeit urteilen, doch der Gesprächspartner wird sich auf seine engen Überzeugungen beschränken und meinen, er spreche über Gerechtigkeit. Menschliche Gerechtigkeit muss man lernen. Man muss sich überprüfen, ob sich nicht ein voreingenommenes Urteil eingeschlichen hat. Und man muss sich im Alltagsleben prüfen. Glaubt nicht, Gerechtigkeit habe etwas mit staatlichen Einrichtungen zu tun – jeder ist ein Richter. Der Denker sprach: ‘Lernt die Gerechtigkeit, denn an jedem Tag sprecht ihr Verurteilungen aus.’

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