Urusvati weiß, dass die Eigenschaft der Nachsicht falsch ausgelegt wird. Man versteht sie entweder als Hochmut oder als Fahrlässigkeit. So wie diese beiden Begriffe etwas Schändliches darstellen, so wird auch der Begriff der Nachsicht in ungutem Sinne verwendet. Wir aber verwenden ihn, um eine Eigenschaft der Menschlichkeit zu bezeichnen. Im Gemeinschaftsleben ist sie eine wechselseitige Erscheinung. Das gesamte irdische Leben besteht aus einem ständigen Wechsel von Nachsicht und Mitgefühl. Die Menschen bekunden diese wohltätigen Eigenschaften mitunter bewusst, doch erweisen sie Nachsicht öfter aus reiner Gutmütigkeit, ohne ihrem Lächeln eine besondere Bedeutung beizumessen. Im Alltagsleben weiß irgendjemand immer mehr als andere, doch aus Menschlichkeit wird er sich damit nicht wichtig tun und den anderen ihre Unwissenheit vorhalten. Er wird im Gegenteil alle Mühe aufwenden, um sein Wissen auf menschlichem Wege einzubringen. Bereits vor langem haben Wir davon gesprochen, dass Gespräche dem Bewusstsein des anderen entsprechend verlaufen müssen, und solche Gespräche kann man als menschlich bezeichnen. Man fragt Uns nach Unserem inneren Leben – es ist menschlich und auf erhabene Geduld gegründet. Unterstellt Uns keinen Hochmut, wenn Ich von erhabener Geduld spreche. Sie muss groß, erprobt und auf Menschenliebe gegründet sein. Es ist nicht möglich, Geduld im Alltagsleben leicht zu erreichen. Die Angefülltheit des Raumes unterstützt dieses Ziel nicht. Viele Ströme behindern die Menschen, die davon noch nicht einmal eine Vorstellung haben. Wir wissen, wie schwer das irdische Leben ist. Es irrt sich, wer das Leben aus Unwissenheit für leicht hält. Doch ist der Übergangszustand weise eingerichtet, um die Klinge des Geistes wahrhaft zu härten. Das Korn des Geistes ist unerschütterlich, doch ist es in ein Gewand gehüllt, das der Mensch selbst webt. Das Weben dieses Gewandes ist nicht leicht. Wenn man dies weiß, kann man Samenkörner der Menschlichkeit säen. Man darf sie nicht mit einem bestimmten Vorsatz ausstreuen, denn dieser Garten wird um der höheren Schönheit willen errichtet. So zählen Wir die Grundlagen Unseres inneren Lebens auf. Wenn in jemandem der Wunsch und die Festigkeit leben, sie anzuwenden, möge er es tun. Je angespannter die Stunde, umso größer ist der Verdienst der vollbrachten Tat. Wir verheimlichen die Komplexität der Lebensgrundlagen nicht, und in diesem beiderseitigen Vertrauen erstarkt die Menschlichkeit. Der Denker verstand, wieviele Hindernisse auf dem Weg des Menschen liegen. Wenn ein Zusammenstoß erfolgte, flüsterte Er: ‘Beachte diesen Stein nicht!’