Bruderschaft II, § 489

Urusvati weiß, welch unabhängige und tiefgründige Arbeit im menschlichen Bewusstsein vonstattengeht. Ich will dies anhand einer alten Parabel erklären. Es lebte ein hochgeachteter Lehrer, der nicht allein nützliche Wissenschaften lehrte, sondern auch auf jegliche Weise seinen Schülern half. Zu der Reihe seiner Vorzüge zählte auch äußerste Scharfsicht. Die Schüler waren davon überzeugt, dass der Lehrer ihnen immer zu Hilfe kommen werde, sogar ohne ihr Bitten. Eines Tages sagte der Lehrer zu dem vertrautesten Schüler: ‘Lass uns hören, was dein inneres Wesen spricht’ und fügte darauf lächelnd hinzu: ‘Es spricht – Hilf!’ Der Schüler geriet in Verlegenheit und begann zu versichern, er habe dem Lehrer niemals mit Bitten Verdruss bereiten wollen. Der Lehrer beruhigte ihn und erklärte: ‘Mein Freund, ich bin überzeugt, dass weder dein Herz noch dein Gehirn um Hilfe gebeten haben. Sie wissen, dass meine Hilfe rechtzeitig kommen wird, doch die Tiefe des Bewusstseins richtet die Stimme an den Lehrer in dem einen Ruf: Hilf!’ ‘Sei von diesem Schrei des Bewusstseins nicht verunsichert, denn in ihm ist eine Verbindung eigener Art zur Hierarchie begriffen. Du hast doch nicht um Reichtum oder um Ehrung gebeten. Dein inneres Wesen sagt mit der Bitte um Hilfe: ‘Lehre mich!’ Du hast keine Bedingungen gestellt, sondern wolltest nur sagen: ‘Tue es, wie es am besten ist.’ Du bist bereits überzeugt, dass alles zum Wohl bereitet wird. Auch wenn du einmal den Weg zum Wohl nicht sofort erkennst, so bist du dennoch überzeugt, dass die besten Maßnahmen ergriffen worden sind.’ ‘Du hast vom dreifältigen Denken gehört. Ihm entsprechen das Gehirn, das Herz und das Bewusstsein. Das Gehirn bringt die Vernunft zum Ausdruck, das Herz das Gefühl und das Bewusstsein die Weisheit. Das Bewusstsein ruft: ‘Hilf, lehre mich.’ Auch mein Bewusstsein sagt genau dasselbe, und mein Führer spricht genau dieselben Worte; sie stellen keine Belastung dar. Die Hand streckt sich nach oben und weiß, dass auf der Stufe der Gefahr die helfende Hand entgegengestreckt werden wird. Es ist uns nicht gegeben zu beurteilen, welche Stufe die gefährlichste ist.’ Dies ist die Parabel, und der Denker kannte sie. Er fügte hinzu: ‘Es liegt eine besondere Schönheit darin, dass unser Bewusstsein ein Hort der Weisheit ist.’

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