Bruderschaft II, § 468

Urusvati weiß, dass man beim Studium der großen Lehren nicht nur ihren Inhalt im Blick haben muss, sondern auch die Sprache, in der sie gegeben sind. Eine Lehre wird nicht ohne Grund in einer bestimmten Sprache gegeben. Man kann alle Lehren seit dem Altertum verfolgen und erkennen, dass die verwendete Sprache zeigt, welchem Volk es obliegt, eine Stufe des Aufstiegs zu offenbaren. Mitunter wird angenommen, dass eine Lehre in derjenigen Sprache gegeben wird, die dem Empfänger am nächsten ist, doch ist solche Erklärung unzureichend. Die Ursachen müssen in ihrer ganzen Fülle beachtet werden. Nichts geschieht zufällig. Der Empfänger der Lehre ist nicht zufällig, die Sprache ist der Notwendigkeit entsprechend gewählt. Es lässt sich sehen, dass die Lehren in verschiedenen Sprachen gegeben wurden, und diese Bedingung entsprach immer wichtigen Umständen, die auch weltweite Bedeutung trugen. So ist die Sprache, in der die jeweilige Lehre gegeben wird, ein Geschenk eigener Art an das betreffende Volk. Denkt nicht, dass die Lehre dadurch an weltweiter Bedeutung verlöre. Jede Wahrheit ist allgemeinmenschlich, doch hat jede Periode ihre Aufgabe und jedes Volk seine Verpflichtung. Nicht wenig Zeit erfordert es, den Kristall des Wesens eines Volkes zu schaffen. Bei vorhandenem Bevölkerungsreichtum ist es schwierig zu erkennen, worin sich die wahre Natur des Volkes offenbart. Dem unerfahrenen Beobachter können sich oberflächliche Züge kundtun, die das eigentliche Wesen überdecken. Daher raten Wir so sehr dazu, sich Geduld und Beobachtungsgabe anzuerziehen, um nicht später leichtfertige Urteile bereuen zu müssen. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, leichtfertig zu urteilen und hoffen, dass es nie zu spät sei, einen Entschluss zu ändern. Die Änderung einer Entscheidung ist jedoch dem Verrat sehr ähnlich, jener Eigenschaft, die Uns besonders zuwider ist. Es darf dort keine Leichtfertigkeit herrschen, wo die Psychologie eines ganzen Volkes und die Bedeutung einer ganzen Epoche zu beurteilen ist. Man könnte einwenden, dass es nicht leicht sei, bei strömenden Wellen auf den Grund eines Flusses zu blicken. Doch dafür werden die Lehren gegeben, die die unterschiedlichsten Seiten des Daseins berühren und die keine zufällige Sammlung treffender Worte, sondern ein Mosaik des gesamten Lebens darstellen. Möge der Wanderer wählen, auf welchen Steinen der Fluss zu überqueren ist. Der Denker sprach: ‘Es gibt im Fluss viele Furten. Muse, hilf, sie zu finden!’

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