Bruderschaft II, § 359

Urusvati weiß, dass die Klarheit feinstofflichen Sehens über viele Lebenswechsel erreicht wird. Zurecht hat man solche Eigenschaft als Grundlage des Hellsehens bezeichnet. Flüchtiges Aufleuchten dieser Eigenschaft kann man ziemlich oft bemerken, gefestigte Scharfsicht dagegen lässt sich nur durch viel Arbeit erlangen. Urusvati erinnert sich richtig, schon von Kindheit an Hellsichtigkeit bei festen Konturen der Visionen besessen zu haben. Es lässt sich studieren, wie langsam die Menschen sich solche Eigenschaft des Sehens aneignen. In Erscheinung tretende feinstoffliche Antlitze zittern oft, verzerren sich und verlieren Teile, das Antlitz kann wachsen, sich in der Breite ausdehnen, den Ausdruck verändern, und selbst das beste Antlitz kann einen bösen Ausdruck erhalten. Infolge solcher Verzerrungen bilden die Menschen sich ein, dass sich ihnen ein böser Geist genähert habe. Indessen liegt die Ursache in ihrem eigenen Unvermögen, feinstoffliches Sehen zu entwickeln. Natürlich ist es nicht leicht, sich inmitten von Hast zu konzentrieren und den Fokus auf das Zentrum der Vision zu richten, denn infolge von Auraschwankungen können die Umrisse eines Antlitzes zu zittern anfangen. Man darf solches Zittern jedoch nicht nur auf das Antlitz beziehen, da es auch von der Aura des Sehenden ausgehen kann. Man muss daran erinnern, dass die meisten Auren Schwankungen aufweisen, die sogar auf das physische Sehen einzuwirken vermögen. Im Altertum hat man feinstoffliche Scharfsicht gelehrt. Zu diesem Zweck stellte man einen beliebigen Gegenstand vor den Schüler, befahl nach einiger Zeit unerwartet, die Augen zu schließen und das Aussehen des Gegenstandes zu beschreiben. Gewöhnlich ergab sich solche Vorstellungskraft nicht leicht. Die Menschen denken, dass sie sich deutlich erinnern, doch in Wirklichkeit erinnern sie nur Konturen, ohne die charakteristischen Eigenheiten aufzeigen zu können. Doch gerade in solchen Eigenheiten liegen Charakteristikum und Wesen eines Gegenstandes. Es ist richtig, dass im Altertum viel Aufmerksamkeit auf die Erforschung der psychischen Natur des Menschen verwendet wurde. Wir können den Beweis erbringen, dass solches Studium nicht nur in Tempeln erfolgte, sondern auch in besonderen Schulen, die später in Griechenland Akademien genannt wurden. Zusammen mit anderen Fächern wurden dort auch Volkserzählungen studiert, unter denen sich Hinweise befanden, die aus weit zurückliegender, grauer Vorzeit stammten. Auch wenn heute Gelehrte Volkserzählungen studieren, können sie Spuren großen bewussten Denkens finden. Sehen wir uns an, mit welchen Eigenschaften die Helden des Altertums ausgestattet waren. Unter ihnen lassen sich Anzeichen von Errungenschaften gegenwärtiger Wissenschaft erkennen. Die Alten träumten nicht nur von solchen Errungenschaften, sondern kannten auch viele von ihnen. Mögen die Gelehrten die Volksschätze unter einem wissenschaftlichen Gesichtspunkt betrachten, so werden sie viele Bestätigungen des Wissens im Altertum finden. Der Denker erblickte eines Tages einen Hirten, dem eine große Schafherde folgte. Der Denker lächelte: ‘Dank welcher Zauberkunst hast du es erreicht, dass die Tiere dir folgen?’ Der Hirt antwortete: ‘Ich lebe mit ihnen zusammen und liebe sie. Sie spüren, dass es für sie gefahrloser ist, mir zu folgen.’

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