Bruderschaft II, § 339

Urusvati weiß, dass der Mensch in der Not erkennbar wird – ganz nach irdischer Gewohnheit. Wir bezeichnen diesen Sachverhalt nicht als Gesetz, da ein Gesetz für jede Art von Erschütterung gültig sein müsste. Es wäre anzunehmen, dass Begeisterung und Glück den Menschen stärker als Leid erschüttern sollten, doch sogar ein nur eingebildetes Glück lässt den Menschen meist gefühllos werden. Es stellt eine hässliche Situation dar, wenn ein Mensch nur im Unglück eine Verfeinerung seiner Gefühle erreichen kann. Im Verlauf vieler Generationen haben die Menschen sich daran gewöhnt, Nöte als von den Göttern gesandtes Unglück anzusehen. Der Mensch vergisst nicht, um Hilfe zu flehen, doch sehr selten dankt er für empfangenes Glück. Über diesen Widerspruch lohnte es eigentlich nicht zu sprechen, doch vom Standpunkt wissenschaftlicher Erfahrung muss darüber geschrieben werden. Hochgradige Verwirrung ist das Abbild elender Gefühle. Es lässt sich beobachten, welche Zickzacklinien auf einem Bildschirm aufflackern, während die Darstellung von Begeisterung einen schönen Kreis formt. Man kann sich davon überzeugen, dass die Verwirrung nicht nur Gifte entstehen lässt, sondern auch die Organe in eine gewisse Erstarrung versetzt. Das gesamte Laboratorium des Organismus geht in eine Desorganisation über. Solche Form der Erstarrung bezeichnen Wir als Tod der psychischen Energie. Nicht selten fällt ein auf solche Weise erschütterter Mensch in Bewusstlosigkeit. Hierbei darf man diese Bewusstlosigkeit nicht mit Lethargie verwechseln. Bewusstlosigkeit ist eine Erstarrung, Lethargie hingegen ist von Arbeit des Bewusstseins erfüllt. Ein Mensch fällt selten durch äußere Erschütterung in Lethargie. Die Ursache der Lethargie ist unvergleichlich feinerer Art. Der betroffene Mensch wird nicht selten während der lethargischen Phase von den Keimen gefährlicher Erkrankungen geheilt. Keineswegs darf die Lethargie selbst als Krankheit angesehen werden. Sie stellt, für sich genommen, eine ungewöhnliche Erscheinung dar. Man kann nur bedauern, dass die Lethargie in der Phase ihres Auftretens sehr einseitig betrachtet wird. Die Hauptsache besteht nicht darin, den Schlafenden zu ernähren, sondern es müssen der Pulsrhythmus und die Hirnreflexe studiert werden. Der Schlafende darf nicht mit Gewalt geweckt werden, da er andere Welten sieht. Er ist fähig, vieles zu erzählen, wenn er aufmerksam gefragt wird. Die Volkskunst bewahrt Erzählungen von schlafenden Königstöchtern und in Bewegungslosigkeit versetzten Hünen. Das Volk hat weise erfasst, wie ein solch besonderer Zustand sich ereignet, der dann von vertiefter Tätigkeit und Heldenmut abgelöst wird. Wahrlich, die Medizin der Zukunft wird in der Lage sein, solche Phasen zur Erneuerung der Kräfte einzuleiten. In fernem Altertum wurden solche Versuche bereits durchgeführt. Ihr wisst, dass sich bei Uns eine ähnliche Erscheinung während langer Flüge vollzieht. Man muss jedoch alle Fürsorge aufwenden, um die Anzeichen des Erwachens nicht zu versäumen. Unter gewöhnlichen Bedingungen ist es schwer achtzugeben, und es ist möglich, die aufschlussreichsten Anzeichen zu versäumen, so dass der Betreffende anschließend alles vergisst und sogar unter dem Zwang ungeschickter Fragen zu versichern beginnt, er erinnere sich an nichts. Davon haben wir schon gesprochen. Man kann jedoch nicht sagen, dass solche Versuche in Unserer Wohnstatt oft stattfanden. Außerhalb der Zeiten, in denen eine gemeinsame Anspannung erforderlich ist, dürfen Wir keinerlei Erscheinung versäumen, und jeder Wille ist angespannt. Dereinst werden die Menschen sich wundern, dass sie sich infolge von Nöten verfeinert haben, wobei sie aber viele Möglichkeiten zu einer Erhöhung des Bewusstseins verstreichen ließen. So muss man sich vorstellen, wieviele verschiedene Möglichkeiten Wir der Menschheit gewähren. Der Denker sprach: ‘Stammt der Mensch etwa vom Stein ab, da es für Funken der Schläge mit einem harten, spitzen Gegenstand bedarf?’

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