Bruderschaft II, § 325

Urusvati weiß, wo die Drachen der Schwelle leben. Man glaubt, dass sie auf dem Grund irgendwelcher furchterregenden Schluchten nisten, irgendwo in der Finsternis, wohin die Menschen selten einen Blick werfen. Doch der Wohnsitz solcher Drachen ist die Schwelle des eigenen Hauses. Der Mensch begegnet ihnen im Alltagsleben sehr oft. Alles, was über solche Drachen gesagt wurde, ist richtig. Ihr Äußeres ist entsetzlich, sie sind unersättlich und speien ihr Opfer nicht wieder aus. Sie lauern Hereinkommenden auf und bewachen diejenigen, die versuchen hinauszugehen. Sie wechseln ihr Gesicht und zeigen sich selten in ihrer ganzen abscheulichen Größe. Der Drache der Schwelle ist als Wächter des menschlichen Bewusstseins gezeigt worden. Eine solche Vorstellung hat aus dem Drachen ein abstraktes Symbol gemacht, doch stehen solche Drachen dem Alltagsleben tatsächlich viel näher. Der Mensch nährt sie mit seiner Unzufriedenheit. Es gibt keinen Alltag, der den Menschen zufriedenstellen würde. Ich spreche hier nicht vom Wissensdurst, der ein würdiges Suchen darstellt. Unzufriedenheit mit dem Alltag ist auf niedere Leidenschaften gegründet, und dann herrscht für echte Drachen ein Festtag. Sämtliche Aufspeicherungen des Menschen werden dann zur Nahrung des Drachen. Nicht erst einmal haben Wir vom böse gestalteten Alltag gesprochen, den sich der Mensch selbst schafft, doch wenn Wir vom Überirdischen sprechen, müssen auch die hinderlichen Umstände erwähnt werden. Über eine einfache Schwelle stolpern die Menschen, fallen oder grämen sich zu Tode. Handelt es sich jedoch um eine böse Schwelle zu einem von Hass bestimmten Alltagsleben, so wird der Schritt über sie gefährlich sein. Wieviel böses Reden wird an den bösen Schwellen vollzogen. Doch zur Freude der Drachen vermehrt sich das entsetzliche Geschimpfe noch. Wir haben gesagt: ‘Räumt den Unrat von der Schwelle.’ Dieser Unrat nährt den Drachen, er kann dadurch dermaßen wachsen, dass man nicht mehr durch die Tür kommt. Man muss daran denken, dass eine böse Schwelle ein Hindernis vor dem Aufstieg darstellt. Natürlich schreit bereits wieder jemand: ‘Das wissen wir schon seit langem!’ Freund, hättest du es gewusst, so wäre deine Schwelle reiner. Doch nun genug von der bösen Schwelle. Wir gehen davon aus, dass die Freunde bereits verstanden haben, wie schädlich es ist, die Drachen zu nähren. So kann eine gute Schwelle entstehen, die zu einem vom Guten bestimmten Alltag führt. Mag solch ein Alltagsleben manchem auch noch dürftig erscheinen, doch ist es rein, und der Drache rollt sich zu einer kleinen Eidechse zusammen. So ist es dem Menschen gegeben, große Umwandlungen zu vollziehen. Der Denker sprach: ‘Ist es nicht ein Wunder, dass wir das Böse in Gutes umwandeln können?’

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