Bruderschaft II, § 316

Urusvati weiß, dass gewisse Menschen das Karma zu betrügen versuchen. Ich spreche nicht von jenen, die von Karma überhaupt noch nichts gehört haben, doch sogar diejenigen, die von Karma wissen, versuchen, es zu umgehen. Stellen wir uns einen Verbrecher vor, der nach seiner Untat zitternd das Karma erwartet. Doch die Tage vergehen, und nichts geschieht. Da wird der Verbrecher etwas kühner und ergeht sich in Vorstellungen darüber, dass sein Verbrechen doch nur geringfügig gewesen oder er inzwischen von einem höheren Gesetz freigesprochen worden sei. In der Folge beginnt er, derart zu erstarren, dass er das Karma als eine Erfindung Unwissender verspottet. Aber zur unerwarteten Stunde erfolgt der Schlag, und der Mensch klagt das Karma an, auf den besten Moment zu lauern, um dann umso stärker zuzuschlagen. Dabei kommt dem Verbrecher nicht in den Sinn, dass es viele Ursachen geben kann, die die Stunde der karmischen Wirkung bedingen. Der Mensch kann in solchen Eigendünkel verfallen, dass er denkt, er selbst bestimme die Stunde der Wirkung der fundamentalen Gesetze. Der eine schreit: Warum lässt das Karma auf sich warten? Der andere beklagt sich über dessen Eile, doch niemandem fällt ein, welch komplexe Umstände jede Erscheinung umgeben. Die einen möchten das Weltengebäude bis zur Unwahrscheinlichkeit vereinfachen, andere verkomplizieren den Aufbau dermaßen, dass er dann jeglicher Bewegung und Lebendigkeit beraubt ist. Kann bei solchen Extremen denn noch Zusammenarbeit möglich sein? Vor langem schon haben Wir auf den goldenen Mittelweg hingewiesen, auf dem Annahme und Wunsch die Bewegung der Energie verstehen, jener einheitlich wirksamen Energie, die in menschlicher Sprache Gerechtigkeit genannt werden kann. Reine Bestrebung vermag das Gefühl für diese Energie zu vermitteln, doch jedes Staubkörnchen wird als Staubwolke am Horizont aufsteigen. Der Denker sorgte sich darum, dass das Licht der Sonne nicht durch die menschlichen Untaten verblassen möge.

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