Bruderschaft II, § 290

Urusvati weiß, dass Wir besonders gewisse Eigenschaften der Weisheit schätzen. Weisheit erkennt das Gute an, gleichgültig woher es kommt. Weisheit missbilligt das Böse, gleichgültig woher es kommt. Glaubt nicht, dass solche Eigenschaften allgemein verbreitet seien. Das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen gehen daran zugrunde, dass sie das Gute und das Böse ihren persönlichen Vorstellungen gemäß begrenzen. Sie erwarten das Gute nur von einer einzigen Seite und befürchten das Böse nur vonseiten der Gespenster, die sie selbst erfunden haben. Indessen wisst ihr, wie sonderbar die Bereiche des Guten und des Bösen gestaltet sind. Niemand, der über das Irdische nachdenkt, vermag sich vorzustellen, wie das Gute und das Böse entstehen. Wir haben Räuber gesehen, die zu selbstlosen Streitern wurden, und Kirchenrepräsentanten, die sich in Verbrechen ergingen. Man kann sich vor einer notwendigen Erweiterung seines Weltbildes nicht schützen. Um ein erweitertes Weltbild offenbaren zu können, muss man in vielem Eintracht üben. Weisheit wird sagen: Möge Gerechtigkeit sich vollziehen. Doch Weisheit wird sie nicht in eine bestimmte Bahn zwängen wollen. Sie versteht, wie überaus komplex die Bedingungen der Gerechtigkeit sind. Weisheit spürt auch die genauen Fristen und wird sie nicht eigenwillig beschleunigen. Weisheit denkt darüber nach, in welch weitem Maße viele Völker an jedem Ereignis beteiligt sind. Man kann die Entwicklung der Dinge an ihrer Oberfläche verfolgen, doch in der Tiefe vermag eine ganz andere Bewegung zu wachsen. Es ist spürbar, in welchem Maße ursprünglich Verurteiltes ans Tageslicht drängt, jedoch mit einem völlig anderen Gesicht. So muss man sich daran gewöhnen, dass das Gesetz der Gerechtigkeit überaus vielschichtig ist. Die Menschen urteilen ihren Gewohnheiten gemäß, doch das Gesetz wird in drei Welten geschaffen und kann als überirdisch gelten. Beschleunigung oder Verlangsamung hängt von vielen kosmischen Ursachen ab. Oftmals wird eine geringe irdische Bewegung die Widerspiegelung eines großen Ereignisses in fernen Welten sein. Man muss in vielem Verständnis üben, um die Weisheit in die Realität des Alltags umsetzen zu können. Der Denker vergaß nicht aufzuzeigen, dass es für den irdischen Wanderer nur einen einzigen Weg gebe, doch über ihm Myriaden von Pfaden existierten.

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