Bruderschaft II, § 200

Urusvati weiß, dass man in ältesten Zeiten von den fernen Welten Kenntnis hatte. Es ist nichts Erstaunliches daran, dass gewisse Menschen wahres Wissen besaßen. Die Mehrheit allerdings war der Überzeugung, dass die Erde sich auf dem Rücken einer Kuh, einer Schildkröte oder irgendwelcher Ungeheuer befinde. Auch heute kann man, gemeinsam mit großen Erkenntnissen, solche absurden abergläubischen Vorstellungen finden. Es könnte gefragt werden, auf welche Weise man in jenen ältesten Zeiten zu Wissen gelangt ist. Wie konnten einzelne Menschen in verschiedenen Völkern seinerzeit wahre Erkenntnisse erhalten, gab es doch weder Schrifttum noch weite Verkehrswege. Für einen beschränkten Geist ist die Antwort auf eine solche Frage schwer zu finden, doch wer von der Hellsichtigkeit und den Flügen des feinstofflichen Körpers weiß, wird die Lösung dieses Problems leicht finden. Es ist nicht verwunderlich, dass die Alten ein Geheimnis besser zu hüten vermochten, als man es heute tut. Sie gingen davon aus, dass man heilige Träume Unwissenden nicht preisgeben dürfe, und so blieben die besten Erfahrungen in einem geschlossenen Kreis. Verwunderlich ist freilich, in welchem Maße Extreme im menschlichen Leben nebeneinander existieren konnten. Im übrigen unterscheiden sich jedoch die Menschen heute in ihrem Bewusstsein auch nicht weniger. Der Denker sprach: ‘Jeder Mensch bewahrt in sich die Möglichkeit, in unmittelbaren Verkehr mit den Höheren Welten zu treten. Aus dieser Quelle wird auch die Grundlage unseres Bewusstseins gebildet. Wir vermögen äußere Fakten in die Grundlage des Tiefenbewusstseins umzusetzen. Wer einen beständigen Verkehr mit den Höheren Welten pflegt, kann auch in den Aufbau der Zukunft eindringen. Wenn er sich von den höheren Verbindungen fernhält, macht der Mensch sich selbst zum Tier.’ ‘Den Menschen sind herrliche Symbole gezeigt worden, doch sie haben sie für einen Aberglauben gehalten. Wir sehen Darstellungen von Wesen mit Flügeln und halten sie für Phantasiegebilde – fliegt aber nicht jeder von uns? Unabhängig davon, ob die Flüge im lichten oder im dunklen Körper erfolgen, vollziehen sie sich bewusst oder unbewusst. Ein großes Geschenk der Götter an uns ist der Schlaf, er öffnet den Eingang in die überirdische Welt. Schlaflosigkeit galt als Strafe, da sie den Menschen einer natürlichen Verbindung beraubte. Freunde, wir sollten den Göttern, die es uns erlauben, mit Ihnen in Verkehr zu treten, dankbar sein.’ ‘Gewöhnlich bewahrt der Mensch die bei den Flügen erfahrenen visuellen Eindrücke nur schwach, doch in der Tiefe des Bewusstseins sind kostbare Schätze sorgfältig erhalten. Ich prahle durchaus nicht, wenn ich sage, mit Worten das Beobachtete wiedergeben zu können. Wie eine Mutter das erste Pochen des kindlichen Lebens in sich spürt, so sind auch wir in der Lage, die aufgespeicherten Beobachtungen wahrzunehmen.’ ‘Freunde, wir fliegen und nehmen das Leuchten der fernen Welten leicht auf. Aus Unwissenheit mag jemand überzeugt sein, dass sie nicht existieren, sondern ein Trugbild seien, wir jedoch, die wir uns ihnen bereits genähert haben, wissen von ihrer Existenz.’ ‘Freunde, wiederholt das Gesagte nicht auf dem Marktplatz, da die Menschen mich anderenfalls für wahnsinnig halten. Es wird eine Zeit kommen, in der diese Worte verstanden werden. Sogar gewöhnlichste Fragen darf man nicht vorzeitig stellen. Die Unwissenden werden leicht zu Tigern, und es ist nicht nötig, solche wilden Tiere hervorzubringen.’ ‘Freunde, ich möchte euch nur noch erzählen, wie sich mir eine ferne Welt im Gedächtnis eingeprägt hat. Die Entfernung zu ihr ist überaus groß, doch erreichen wir sie im Flug augenblicklich. Es war zwar nicht möglich, den neuen Boden zu betreten, der uns sogar im lichten Körper fremd ist. Aber es waren die Umrisse von Meeren zu sehen, man konnte sich an herrlichen Farben erfreuen, und sogar Vögel und Fische waren schon sichtbar. Die Menschen dort sind nicht wie wir, und es erscheint wunderlich zu sagen, dass sie fliegen. Ihre Sprache ist nicht vernehmbar, wahrscheinlich, weil die Sphären klingen. Ich erinnere mich des saphirblauen Wassers, des smaragdfarbenen Grüns und der ebenfalls smaragdähnlichen Berge. Der Mensch scheint nicht in der Lage zu sein, solch reinen Boden zu betreten. Selbst die Luft ist uns zunächst unerträglich, doch wenn man sich an sie gewöhnt hat, leiden wir bei der Rückkehr in unseren physischen Körpern, und es ist, als ob man, wie in zu enger Kleidung, ersticken würde. So ist jede Erfahrung angenehm und schwierig zugleich.’

‹ § 199 · Inhaltsverzeichnis · § 201 ›