Bruderschaft II, § 196

Urusvati weiß, dass die Hasser selbst das Unvernichtbare zu zerstören suchen. Es ergab sich eines Tages, dass ein Ausrufer im Namen der Ältesten der Stadt den Athenern bekanntgab, es sei unter Androhung von Verbannung untersagt, die Namen des Perikles, des Anaxagoras, der Aspasia, des Phidias und ihrer Freunde auszusprechen. Der durch die Ältesten angestiftete Pöbel forderte die Zerstörung des Zeus auf dem Olymp und schrie, dass diese Skulptur an den verhassten Phidias erinnere. Wenn die angeklagten Namen in Handschriften auftauchten, beeilten eingeschüchterte Bürger sich, diese zu verbrennen, auch wenn es sich um wertvolle Werke handelte. Vorsichtige vermieden es, an den Häusern der bezeichneten Menschen vorbeizugehen. Schmeichler eilten, Epigramme zu verfassen, in denen sie mit kränkenden Symbolen das Scheitern des Perikles darstellten. Anaxagoras wurde als Esel, der auf einem Marktplatz schreit, dargestellt. Und ihr wisst auch vom Tode des Sokrates. Der Denker sprach: ‘Wir kennen die Namen des Perikles, des Anaxagoras, der Aspasia und des Phidias, doch wir kennen nicht die Richter, die sie verurteilt haben. Wir erinnern uns der Skulpturen des Phidias, wissen aber nicht, wer sich an ihnen vergangen hat. Wir werden vielleicht denken, dass diese Schmach der Menschheit sich zum letzten Male vollzogen hätte, doch solches Denken ist nur ein Wunschtraum.’ ‘Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier, doch die menschliche Herde ist nicht in der Lage, friedlich zu weiden, und es scheint nicht möglich zu sein, dass die Hörner nur zur Verteidigung benutzt werden. Auch die Ochsen können oftmals als Beispiel dienen. Möge der Gedanke den Menschen zur Unbegrenztheit lenken.’ Ebenso sagte der Denker: ‘Die Führer bemühen sich um die Wahrung des Schönen. Phidias ist in den Kerker geworfen worden, und damit hat die Menschheit sich selbst in die Finsternis gestoßen. Die Menschen werden in äußerstes Erstaunen über ihr grausames Schicksal geraten, doch haben sie es sich etwa nicht selbst verdient?’ ‘Ihr Ältesten, die ihr die Wahrheit verfolgt! Eure Namen werden fortgewischt werden, doch eure Last wird sich in eine niederdrückende Bürde verwandeln. Gerade haben wir einen Aussätzigen getroffen; er erinnert sich nicht, welche Wahrheit er mit Füßen getreten hat.’ So warnte der Denker. Und jeder von Uns hat zu Seiner Zeit, in Seiner Sprache dieselben Worte gesprochen. Die Menschen mögen das nicht hören, was sie vorher entschieden nicht ausgeführt haben. In einer Stunde grausamen, brudermörderischen Gemetzels erinnern die Menschen sich an Christus, was die Lästerung nur noch schmählicher geraten lässt. Falsche Zeugen schwören immer wieder bei den heiligsten Gegenständen. Die Menschen scheuen sich nicht, einen falschen Schwur auszusprechen und über den Glauben ihres Nachbarn zu spotten. Sie finden Zeit für Lästerung und Beleidigung, vermögen es aber nicht, selbst zu arbeiten! Manchmal denken sie über Gemeinschaft nach, können sich aber nicht einmal in ihrem Alltag um die gemeinschaftliche Sache bemühen. Urusvati weiß, wie unmöglich es ist, das Unvernichtbare zu zerstören.

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