Gemeinschaft, § 198

1927 – I – 10

Vor nicht langer Zeit besuchten Wir auf Vorschlag Meines Freundes oft westliche Städte. Dabei kamen Wir gelegentlich mit Personen zusammen, die von Unserer Existenz wussten. Die hartnäckigsten Fragen über die Anwendung der Psychomechanik wurden an Uns gerichtet, und man verlangt ferner genaueste Angaben über biochemische Formeln. Dabei waren diese Menschen mit dem Eigendünkel des Westens niemals um ihren Bewusstseinszustand besorgt und verlangten auch gar nicht zu erfahren, ob sie die entsprechenden physischen Eigenschaften besäßen. Es ist traurig, diese Aufdringlichkeit ohne jedwedes Streben nach sozialer Fürsorge zu beobachten. Wie sich ein mit einer Keule bewaffnete Höhlenbewohner beeilt, bunte kleine Muscheln in seinen ungeteilten Besitz zu bekommen, so versuchten diese Bewohner von Steinpalästen, sich ihnen fremde Eigenschaften anzueignen. Der Höhlenbewohner schmückte sich immerhin mit Muscheln, doch die Schlauköpfe der Gegenwart erniedrigten das Wissen zu einem nachmittäglichen Kaffeetratsch – es war ein Schauspiel beschämenden Leichtsinns. Nach dem Vorschlag Meines Freundes übten Wir auch genügend Geduld, um sogar Zeit für einen Briefwechsel zu opfern. Doch niemand war zu einer schöpferischen Arbeit zu bewegen. Am wenigsten kümmert sich um sein Bewusstsein, wer es mit Kupfermünzen in einem kleinen Geldbeutel unterbringen kann. Kann man den Bewusstseinszustand vergessen, wo wir mit den feinsten Energien in Berührung kommen. Wahrlich, Wir ignorieren die Methoden der westlichen Wissenschaft nicht, doch wir denken an die Grundlagen der psychischen Energie. Zu dem Schluss kommend, dass psychische Energie für einen selbst sowie für Experimente gleich notwendig ist, sorgen Wir vor allem für die Schaffung günstiger Bedingungen für die Aufspeicherung dieser Energie. Wer pflügen will, muss einen Pflug haben. Wer ein Ziel erreichen will, muss seine Ausrüstung kennen. Die Menschen des Westens haben ihr Bewusstsein mit den schwersten Gedanken verdunkelt, aber Freude über eine Einsicht ist fast unschicklich geworden. Freude über eine Einsicht muss bei der Welterneuerung Vorrang haben.

‹ § 197 · Inhaltsverzeichnis · § 199 ›