Erleuchtung, § 356

1925 – VI – 19

‘Warum ihm und nicht mir?‘, so flüstert der Neid nach Mitternacht. Vertreibt dieses Scheusal aus eurem Innern. Wachstum des Geistes duldet keinen Zwang. Durch diese Einstellung erklärt sich auch die langsame Evolution der Menschheit. Man kann das Wachstum des Geistes weder erzwingen, noch kann man es mit ungebetenen Ratschlägen antreiben. Nur auf das Klopfen eines feinfühligen Herzens kann man antworten. Wenn ihr die offensichtliche Warnung erteilt, dass Neid der Gesundheit schadet, so wird dies, falls ein geistiges Bewusstsein vorhanden ist, auch nur Heuchelei hervorruf’n. Doch die Pfade des individuellen geistigen Wachstums werden hell erleuchtet sein. Jeder Tropfen des Meeres erzeugt seinen Regenbogen. Wie schön ist daher das Leuchten eines Kosmos! Und wie notwendig ist es, Antworten behutsam zu erwägen, weil diese für einen individuellen Geist bestimmt sind. Wir haben gegen die derzeitigen Kirchen gesprochen, doch man darf nicht gegen die Priester im allgemeinen sprechen. Wir kannten einen ausgezeichneten katholischen Geistlichen, doch anstatt ihm den Kardinalshut zu verleihen, versetzte man ihn in eine armselige Kirchengemeinde. Wir kannten auch einen hochgeistigen Rabbiner, doch man betrachtete ihn als Geisteskranken. Wir kannten einen erleuchteten orthodoxen Priester, doch sein Los war die Verbannung in eine Klosteranstalt für Trinker. Wir kennen einen gebildeten Bischof in Amerika, doch er hat kein leichtes Leben. Jeder Gedanke zugunsten des Allgemeinwohles wird unbarmherzig verfolgt, obwohl die Schatzkammer des Allgemeinwohls nur durch das Wachsen des individuellen Geistes bereichert werden kann. Die Übereinstimmung des individuellen Geistes mit dem Allgemeinwohl der Welt bildet auch die Schönheit eines Kosmos. Wenn jede Pflanze ihre eigene, unersetzliche Individualität hat, wie individuell muss dann erst jeder menschliche Geist behandelt werden? Solch ein Vibrieren der Feinfühligkeit muss ein Kennzeichen Unserer Schüler sein, und dann kann ohne Worte, nur durch eine einfache Berührung, sich das Licht ergießen. Nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht kann man verbunden sein und zur Erleuchtung beitragen. Möget ihr durch Erweiterung des Bewusstseins erleuchtet werden, so wie die weitgereisten Wanderer durch den Staub des Regenbogens Wissen über die ganze Welt bringen.

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