1924 – IV – 13
Maria Magdalena erzählte: ‘Ihr kennt meine Lebensweise, wie man uns nachts besuchte und am Tag auswich. Auch zu Christus ging man des Nachts und am Tag wandte man sich ab von Ihm. Ich dachte, ich wäre die Niedrigste und man schämt sich meiner bei Tageslicht, doch auch dem Höchsten Propheten wich man am Tag aus. So werden das Niedrigste und das Höchste in gleicher Weise gemieden. Und so entschloss ich mich, Ihn zu finden und Ihm am Tag die Hand zu reichen. Ich legte mein bestes Gewand und ein Halsband aus Smyrna an, parfümierte meine Haare und ging, um den Leuten zu sagen: – Bei Tageslicht treffen sich das von euch Gemiedene, das Niedrigste und das Höchste. Und als ich Ihn inmitten von Fischern sitzend, mit nur einem Sackleinen bekleidet, erblickte, blieb ich auf der anderen Straßenseite stehen und konnte mich nicht nähern. Zwischen uns gingen die Leute vorbei und mieden uns beide. Danach wurde über mein Leben entschieden. Er sagte zu Seinem Lieblingsjünger: – Nimm eine Prise Staub und bringe sie jenem Weibe, damit sie dafür ihren Halsschmuck eintausche. Wahrlich, in diesem Kehricht ist mehr Licht als in ihren Steinen, denn aus Abfall kann man Steine machen, aber aus Steinen nur Staub. – ER richtete mich nicht, sondern wog nur meine Ketten, und die Ketten der Schande zerfielen in Staub. Er entschied einfach und war nie verlegen, den einfachsten, für das ganze Leben entscheidenden Gegenstand zu senden. Er berührte diese Sendungen so, als ob Er sie vergeistigte. Sein Weg war einsam, denn das Volk, das das von Ihm Geschenke entgegennahm, lief nachher eilig auseinander, und als Er die Hände auflegen wollte, war es leer um Ihn. Als Er bereits verurteilt war, liefen die Furien der Schande hinter Ihm her und winkten zum Schein mit den Ölzweigen. Der Preis des Räubers war der Menschenmenge würdig. Wahrlich, Er sprengte die Ketten, indem Er Wissen übermittelte, ohne Belohnung zu empfangen.‘