Bruderschaft II, § 713

Urusvati weiß, dass nur wenige imstande sind, ihre Erfahrungen früherer Existenzen zu erkennen. Nicht selten beklagen sich die Menschen, über die vorangegangenen Leben keine Kenntnis zu erhalten. Aber wenn sie sie dann doch empfangen, werden sie traurig oder verfallen in Eigendünkel. Selten besitzt ein Mensch so viel Urteilsvermögen, um zu einer rechten Auffassung über das Lehrreiche der Lebenswechsel zu gelangen. Selten erkennt er eine nützliche Aufwärtsentwicklung. Selten versteht er seine Fehler und die daraus entstandenen Folgen. Gewöhnlich sind Klagen über das Karmagesetz zu hören, da der Mensch in irdischen Ausmaßen darüber denkt. Doch das Karmagesetz ist von kosmischer Tragweite. Ein abgesondertes irdisches Leben ist in der Unbegrenztheit weniger als ein Senfkorn, doch wir müssen uns dem Überirdischen in der Weise zuwenden, dass wir an ihm teilhaben. Es ist kein Eigendünkel, sich für einen Bürger des Universums zu halten. Allein in solcher Auffassung kann man das Maß der Verantwortung verstehen, das mit der Teilnahme am großen Aufbau verbunden ist. Es fällt vielen schwer, sich selbst in der Eigenschaft eines Mitarbeiters vorzustellen, der am großen Aufbau teilnimmt. Die Menschen haben den Flug ihres Denkens durch die unterschiedlichsten Eingrenzungen unterbunden. Statt einer Befreiung des Denkens hat sich eine trübe Finsternis eingestellt. Bedauerlicherweise haben bei Millionen die irdischen Existenzen nicht ausgereicht, dass der Mensch sein Denken von der Knechtschaft befreite. Die Kunst des Denkens wird abgelehnt, und in den Schulen wird nirgends darauf hingewiesen. Wie aber soll man das Überirdische erkennen, wenn es überall Hindernisse und Verbote gibt? Man muss den Erkenntnisprozess befreien, damit eine Welterneuerung erfolgen kann. Haltet das Denken an Welterneuerung nicht für undurchführbar; man muss sich allerdings als Teilnehmer empfinden. Es wird kein leerer Traum sein, zu einem erneuerten Leben zu streben, wenn das beste Schaffen der Völker in unaufhaltsam erfolgreichem Voranschreiten zusammenfließt. Der Denker sprach: ‘Lehrer, zeige mir auf, wie ich die Erfahrungen früherer Existenzen verstehen und anwenden kann.’

‹ § 712 · Inhaltsverzeichnis · § 714 ›