Bruderschaft II, § 477

Urusvati weiß, dass der Begriff der Lehrerschaft in den Menschen von frühen Jahren an entwickelt werden muss. Jeder Mensch ist in der Lage, irgendjemanden irgendetwas zu lehren, und er sollte auch fähig sein, dies zu tun. Wir heißen es gut, wenn Schulkinder ihre jüngeren Mitschüler unterrichten. Es ist nicht leicht, die beste Unterrichtsmethode auszuwählen, da sie individueller Natur sein wird, und der Lehrer sollte spüren, wie man besser an das Bewusstsein des Schülers herantritt. Ohne Übungen wird man unmöglich eine überzeugende Vermittlung von Tatsachen erreichen. Allein Unwissende meinen, es sei ausreichend, Kenntnisse einfach vorzulesen, um sie den Schülern einzuflößen. Man kann nur erstaunt sein, dass die eigentliche Kunst des Lehrens keine Aufmerksamkeit erregt. Doch jeder wird sich erinnern können, wie unterschiedlich die Unterrichtsinhalte im Verlauf der Schulzeit aufgenommen wurden. Dies hängt nicht allein von den Fähigkeiten des Schülers ab, sondern hauptsächlich von der Überzeugungskraft des Lehrers. So möge die Lehrtätigkeit inmitten breitester Schichten Anwendung finden. Möge der Lehrer selbst dafür Sorge tragen, dass sein Wert eine hohe Stufe einnimmt. Gedanken über die Großen Lehrer entwickeln sich leichter, wenn der Begriff der Lehrerschaft ganz klar erfasst wird. Das Handeln des Lehrers muss frei von Eigennutz sein. Der Lehrer vermittelt das von ihm angesammelte Wissen, ohne es jedoch als sein eigenes auszugeben. Er sollte das Geschenk des Wissens aufnehmen, um es mit derselben Bereitschaft den folgenden Generationen zu übergeben. Die Arbeit des Lehrers muss nicht nur in materieller Hinsicht würdig entgolten werden, sondern auch durch allgemeine Hochachtung. Die Lehrerschaft stellt eine der höchsten Rangstufen in einem Staate dar. Nicht der Lehrer, sondern das Lehren selbst eröffnet dem Volk höchste Kultur. So möge nicht persönlicher Vorteil, sondern der Dienst am Gemeinwohl zur Lehrtätigkeit führen. Solches Verständnis des Dienens tritt nicht unvermittelt ein, sondern es muss dazu erzogen werden. Möge sich daher schon jedes Schulkind als Lehrer im Verhältnis zu den Jüngeren empfinden. Mögen Unterrichtsstunden eingerichtet werden, von älteren Schülern geleitet, damit jeder sein Wissen vermitteln kann. Solches Dienen darf man nicht als langweilige Last ansehen, möge im Gegenteil sich jeder selbst zu freudigem Weitergeben erziehen, denn nur in solchem Geben wächst wahre Freude. Der Denker lehrte: ‘Jeder vermag seinem Nächsten zu dienen; jeder vermag zu teilen, selbst wenn er keinen einzigen Gegenstand besäße. Wie ruhmreich ist die Gabe, die nicht erschöpft werden kann!’

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