Der Ruf, § 289

1922 - VIII - 26

In antiken Kulturen kann man Überreste geist'ger Lehren finden. Sogar der alte Reigen zeigt Spuren noch von Geistigkeit. In die Mitte eines Kreises wurde die auserwählte Frau - seltener der auserkor'ne Mann - gestellt. Um sie herum vollzog man rituelle Tänze und sang dazu. Im Kreise stand die Auserwählte, scheinbar unbeweglich, Doch alle Bewegungen und Wendungen waren ihr zugedacht. Sie brachten den Sinn sämtlicher Bestrebungen zum Ausdruck. So ist's auch mit des Geistes Lehre. Der Schüler empfängt die Freude der Erleuchtung. In ihm erwacht der Drang zum Suchen, und dann wird er das Eis der Einsamkeit verspüren. Und schließlich muss er noch die Last des Mittelpunktes tragen. Allein und stumm, Und scheinbar ohne Hilfe nimmt er die Lasten aller dann auf sich. Genau so ruhig, wie in der großen Einsamkeit wartet er und nimmt bereitwillig die Bitten auf, die zu ihm dringen. Wie eines Hauses Fundament lässt schweigend er sich dann umkreisen. Verzehnfachend die Hände, vergrößernd noch das Herz, muss er im Geiste über allen steh'n, die sich an ihn gewendet hab'n. Doch fürchtet er sich nicht, er weiß, dass seine Zeit sich nähert. Die Anklopfenden, die Drohenden und jene, die belasten, sie alle werden kommen und er muss sie empfangen. Zeitweilig wird er von ihnen eingekreist, und sie versperren ihm den Ausgang. Doch die Prüfung währt nicht ewig. Nahe liegt die Möglichkeit des nächsten Pfades. Und darin liegt das Wesen der Last des Mittelpunktes. Wie tut es wohl, wenn Freundeshände sich entgegenstrecken und wenn der Reigen sich zusammenflicht aus guten Wünschen.

‹ § 288 · Inhaltsverzeichnis · § 290 ›