Erleuchtung, § 312

1925 – IV – 10

Woran mangelt es überall am meisten? Natürlich an Angemessenheit! Ich habe schon viel darüber gesprochen, aber es ist notwendig, noch einmal zu diesem Thema zurückzukehren. Selbst die wenigen, welche die Bedeutung der Entsprechung fühlen, erinnern sich ihrer nur in Einzelfällen. Erst wenn man zu ertrinken droht, erinnert man sich der guten Ratschläge, es wäre jedoch besser, sie im Leben anzuwenden. Der Sog des korrekten Urteils bringt allerkleinste Gedanken hervor. Gut oder böse und nützlich oder schädlich sind zwar Selbstverständlichkeiten, aber im dichten Wald nimmt man diese allerkleinsten Bäumchen nicht mehr wahr. Wenn man sich bemüht, alte Gewohnheiten in schöne Heldentaten umzugestalten, wird sich auch ein rauer Schlehdorn in einen prächtigen Baum verwandeln. Erst wenn wir unser Denken bis an die Grenze eines Wunders erheben können, dann werden wir nicht mehr länger über abgenützte Schuhsohlen klagen. Ich rate dringend, böswilliges Geschwätz und übles Gerede zu unterlassen, dadurch können einige einen halben Tag gewinnen. Die Tasse Kaffee oder das Glas Bier vereinsamen. Verwendet weniger Zeit für das Essen, um die menschliche Figur zu erhalten. Eine der schlimmsten Unangemessenheiten ist es, bei Tisch über Nichtigkeiten zu schwatzen. Eine der schlimmsten Unangemessenheiten ist kleinliche Verleumdung. Eine der schlimmsten Unangemessenheiten ist es, dringende Angelegenheiten zu verschieben. Eine der schlimmsten Unangemessenheiten ist die gekränkte Geisteshaltung eines Kleinkrämers. Eine der schlimmsten Unangemessenheiten ist es, sich seiner Verantwortung zu entziehen. Eine der schlimmsten Unangemessenheiten ist unschönes Denken. Angemessenheit ist wie die tragende Säule eines Hauses. Wenn wir unseren Lebensraum nicht so gestalten, zerstören wir in Wirklichkeit die tragenden Säulen. Erlernet die Angemessenheit gründlichst.

‹ § 311 · Inhaltsverzeichnis · § 313 ›