Bruderschaft I, § 306

Es gibt verschiedene Erwartungen, sowohl eine klärende als auch eine behindernde. In der ersteren wartet das Herz, in der zweiten aber wartet das Ich selbst. Über die Mauer der Ichsucht schwingt sich sogar der erhabene Gedanke mit Schwierigkeit empor. Er bleibt in den spitzen Zinken der Ichsucht hängen. Ichsucht ist zackig – aufgespalten in Neid und rohe Bosheit. Diese Begegnung kann keinen schönen Gedanken aufkommen lassen. Im Prozess des Gedankenempfanges kann vieles wahrgenommen werden: ein Augenblick der Stille vor der Ankunft des Hohen Boten. Aber kann hochnäsige Ichsucht diesen glückseligen Augenblick fühlen? Das Herz allein kann von Erwartung erfüllt sein. Das Herz allein wird nicht laut ausrufen – Ich warte! In diesem Ich erklingt sehr viel Ichsucht. Mit dem Herzen zu warten aber heißt, schon ein Vorgefühl zu haben. Dieses Gefühl birgt viel Freude. Die Alten nannten es den Führer. Ich bestätige, dass Vorgefühl bereits das Öffnen der Tore ist. Das Herz ist ein aufrichtiger Gastgeber, es bereitet sich vor, den fernen Gast zu empfangen. Für diesen Gedankenempfang bedarf es der besten Gefühle.

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